23.05.2013
Ich glaube, ich steh im Wald.
VON VINCENT KLINK: Das sagt man gerne so vor sich hin, wenn man Verwirrung mitteilen will und sozusagen vor lauter Wald keinen Baum mehr sieht.

18.09.2012
Bollenhut und Kuckucksuhr. Über Schwarzwald-Mythen.

Der erste Echtwald liegt im Schwarzwald. Das hat gute Gründe, auch wenn das Konzept Echtwald letztlich natürlich darauf zielt, naturnahe Wälder auch andernorts zu fördern. Aber es gibt wenige Regionen, die so von Klischees verstellt sind wie das Mittelgebirge im Südwesten Detuschlands.
Wenn man einen Amerikaner fragt, was für ihn typisch deutsch sei, dann werden wohl an erster Stelle Bier und Bratwurst stehen. Vielleicht kennt er noch das Hofbräuhaus und Neuschwanstein, und all das setzt er in eine tannen- und fichtenbewachsene Landschaft, die verdächtig nach Schwarzwald aussieht. Denn den kennt er auch: The Black Forest ist bis heute eine der ersten Adressen für Touristen aus Übersee. Zugegeben, so formuliert klingt das alles recht böse, es spielt mit dem Bild eines naiven Amerikaners, aber andererseits: So funktionieren Klischees. Und die funktionieren inländisch ganz genauso, nur um ein Geringes filigraner. Fragen Sie einen Deutschen, was denn den Schwarzwald ausmache, so haben Sie mit größter Wahrscheinlichkeit die Antwort zu erwarten: Kuckucksuhr und Bollenhut.
An diesen Klischees haben die Fremdenverkehrsvereine im Schwarzwald kräftig mitgewirkt. Kaum ein Plakat, daß ohne den Bollenhut auskäme, und die Kuckucksuhren treten heute sogar in ganz modernem Gewande als Designartikel auf. Wirklich typisch für den Schwarzwald sind eigentlich beide nicht. Der Bollenhut nicht, weil er eigentlich nicht im gesamten Schwarzwald, sondern lediglich an genau drei kleinen Orten typische Landestracht ist. Das ist er nämlich nur in drei Gemeinden, in Gutach, Kirnbach und Hornberg-Reichenbach. Aber dann kam Sonja Ziemann. Die spielte in „Schwarzwaldmädel“, einem der klassischen Heimatfilme der 50er Jahre, bollenhutbewehrt ein ebensolches und bezirzte Paul Hörbiger dabei dermaßen, dass es ihn in den Schwarzwald führte und diesen dabei gleich doppelt zum Sehnsuchtsort machte, romantisch wie touristisch ... der Rest ist Geschichte. Seither tauchen gefühlt auf jedem Plakat und auf jeder Touristikbroschüre Bollenhüte auf und eine kleinstregionale Tracht ist zum Symbol für eine ganze Großregion geworden – immerhin für das höchste und größte Mittelgebirge Deutschlands, wie die Wikipedia zu verkünden weiss. Und sollte es Sie einmal in Günter Jauchs Fragestunde „Wer wird Millionär“ verschlagen, merken Sie sich: Es sind 14 Bollen (von denen man aber nur 11 sehen kann, die drei weiteren sind übernäht) und die der unverheirateten Frauen sind rot, die der verheirateten schwarz. Wissen, aus dem man ohne weiteres eine Millionenfrage machen könnte.
Mit den Kuckucksuhren verhält es sich nicht viel anders. Sie sind keine Schwarzwälder Erfindung, ähnliche Konstruktionsideen sind auch für andere Regionen überliefert. Bis weit ins 19. Jahrhundert war der Schwarzwald zwar für seine konkurrenzlos preiswerten Gebrauchsuhren bekannt, aber es waren einfache Scheibenuhren aus Holz, vom Kuckuck kaum eine Spur. Die Kuckucksuhr – zumal in typischer Gestalt als „Bahnwärterhäuschen“, das Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge einer „Modernisierung“ der schwarzwälder Uhr nach Entwürfen des Architekten Eisenlohr entstand – ist eher Kennzeichen der Industrialisierung der schwarzwäldischen Uhrenproduktion als typisch für das Bild des tüftelnden, schnitzenden Schwarzwaldbauern, der seine Wintertage und -nächte mit feinmechanischer Arbeit verbringt.
Was also ist der Schwarzwald?
Als Tourist werden Sie ungeachtet aller klischeebeladenen Plakate hier tiefe Wälder und abgelegene und überaus lohnende Wanderwege finden (wie etwa den neu eingerichteteten Schluchtensteig, den „Wanderweg des Jahres 2011“), aber Sie werden sich eben auch in einer Region bewegen, die seit mehr als einem Jahrhundert zu den feinmechanischen Zentren Deutschlands gehört. Der Schwarzwald ist eben beides zugleich: Projektionsfläche für romantisch bewegte Wanderer und High-Tech-Region, Heimat des nadelholzgeräucherten Schwarzwälder Schinkens und der auf tausendstel Sekunden messenden Präzisionsstopuhr.
Ein ausgezeichnetes Buch, das sich mit den Schwarzwald-Mythen, mit der Diskrepanz zwischen Romantik und Wirklichkeit beschäftigt, ist der Katalog der 2011 im Freiburger Augustinermuseum zu sehenden Ausstellung: "Unser Schwarzwald. Romantik und Wirklichkeit". Die Ausstellung ist längst nicht mehr zu sehen. Den Katalog bekommen Sie hier im ECHTWALDSHOP:











